Loïc Wacquant

Eine kurze Genealogie und Anatomie des Habitusbegriffs

7 Seiten | Autor: Loïc Wacquant

Die philosophischen Ursprünge des Habitusbegriffs zu ergründen und dessen erstmalige Verwendung durch Bourdieu zu betrachten, der damit die historische Bruchlinie des algerischen Befreiungskrieges wie die Nachkrieges-Modernisierung des ländlichen Frankreichs zu beschreiben suchte, kann dabei behilflich sein, vier weithin geteilte Missverständnisse bezüglich des Begriffs aufzuklären. (1) Der Habitus ist niemals eine Replikation einer einzigen sozialen Struktur, sondern vielmehr ein dynamisches, multiskaliertes und vielschichtiges Set von Schemata, dass einer permanenten Revision in der Praxis unterworfen ist. (2) Der Habitus ist nicht notwendigerweise kohärent und einheitlich, sondern weist vielmehr variierende Grade von Verflechtungen und Spannungen auf. (3) Weil der Habitus nicht immer deckungsgleich mit dem ihn umgebenden Kosmos ist, in dem er sich entwickelt, eignet er sich gleichermaßen dafür, sozialen Wandel und Krisen zu erfassen wie Prozesse der Kohäsion und der Perpetuierung. (4) Schließlich ist der Habitus nicht als ein selbstgenügsamer Mechanismus der Generierungen von Handlungen zu verstehen: Die Untersuchung von Dispositionen muss stets in einer engen Verbindung mit einer parallelen Kartierung des Systems sozialer Positionen vorgehen, die die jeweiligen Fähigkeiten und Neigungen der Akteure entweder anregen, unterdrücken oder überschreiben. Grundlegend ist, dass der Habitusbegriff Bourdieus nicht als ein abstraktes Konzept zu verstehen ist, das auf einer theoretischen Ebene verbleibt, sondern als Skizze einer Forschungsperspektive, die die Genese des Denkens in das Zentrum sozialer Analysen stellt.

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Erschienen in
Berliner Debatte 4 | 2016
Big Data als Theorieersatz
146 Seiten

Für eine Soziologie von Fleisch und Blut

11 Seiten | Autor: Loïc Wacquant

Loïc Wacquants Aufsatz legt die Grundsätze einer „Soziologie von Fleisch und Blut“ dar. Wacquants karnale Soziologie zielt auf eine Vorgehensweise, die der soziologischen Forschung ein tieferes, weil körperliches Eindringen in den Untersuchungsgegenstand erlaubt. Wacquant spricht davon, selbst Teil des Phänomens zu werden, das man untersucht. Erst diese intensive Form der Feldforschung sei in der Lage, lebensweltliche Universen ganz, d. h. auf der geistigen Ebene ebenso wie auf der körperlichen, zu erfassen. Wacquant betont dabei die Situiertheit und die Perspektivität solcher Forschungen: Wir alle sind menschliche Wesen mit Empfindungen, Fähigkeiten und einer Geschichte. Statt von dieser Vielfalt zu abstrahieren, fordert Wacquant, diese Eigenschaften für die Forschung zu nutzen und sie in den reflexiven Prozess einzubeziehen.

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Erschienen in
Berliner Debatte 3 | 2015
Heiner Müller: Macht, Geist & Katastrophengier
152 Seiten

Fleisch und Blut. Loïc Wacquants karnale Soziologie

Die Beiträge des Nebenschwerpunktes zum Vorzugspreis - Loïc Wacquants Forschungsprogramm einer „karnalen Soziologie“ in der Diskussion

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Erschienen in
Berliner Debatte 3 | 2015
Heiner Müller: Macht, Geist & Katastrophengier
152 Seiten

Marginalität, Ethnizität und Strafen in der neoliberalen Stadt

Eine analytische Kartographie

19 Seiten | Autor: Loïc Wacquant

Zunächst möchte ich den Teilnehmern dieser Konferenz gern meinen Dank aussprechen. Es ist besser, dies am Beginn der Tagung zu tun, denn am Ende werden wir vermutlich starke Differenzen haben. Es ist paradox, aber eines der Haupthindernisse für Fortschritt in den Sozialwissenschaften liegt heutzutage in der sozialen und zeitlichen Organisation der Forschung – der unkontrollierten Invasion von Zeitplänen, der Arbeitsüberlastung und der Vervielfachung von Missionen ohne eine entsprechende Aufstockung der für ihre Durchführung erforderlichen Ressourcen. Das erklärt, dass wir kaum die konkreten Anreize und auch einfach nicht genügend Zeit haben, um uns hinzusetzen und die Arbeiten anderer Wissenschaftler intensiv zu lesen, selbst die nicht, die wir verarbeiten müssten, um uns auf dem Stand unserer eigenen Spezialgebiete zu halten. Und wir haben noch weniger Gelegenheiten, eine Gruppe von Kollegen aus verschiedenen Gebieten zu treffen, die es auf sich genommen haben, einen Textkorpus zu analysieren, um sich in eine fokussierte Diskussion zu begeben, die jedem Teilnehmer bzw. jeder Teilnehmerin hilft, auf seinem oder ihrem Forschungspfad voranzuschreiten. Heute genießen wir eine der seltenen Gelegenheiten dieser Art – dank der Energie und dem Talent, die Mathieu Hilgers hinter den Kulissen aufbrachte, um dieses Treffen zu organisieren. Ich bin ihm dankbar, wie auch den Soziologen, Geographen, Kriminologen und Anthropologen, die sich an diesen Diskussionen beteiligen, und dem großen Auditorium, das gekommen ist, um zuzuhören und, wie ich hoffe, durch lebendige Fragen und Repliken zu unseren Debatten beizutragen.

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Erschienen in
Berliner Debatte 1 | 2014
Innovativer Rechtsextremismus?
161 Seiten

Symbolische Macht und Gruppenbildung

Zu Pierre Bourdieus Neuformulierung der Klassenfrage

18 Seiten | Autor: Loïc Wacquant

Pierre Bourdieus Neubetrachtung der Klassenfrage veranschaulicht die Hauptelemente seiner Soziologie in globo, sodass ein genaues Lesen seiner Schlüsseltexte zu diesem Thema einen direkten Weg in den Kern seines wissenschaftlichen Projekts eröffnet. Es verdeutlicht die wesentlichen konzeptionellen Wandlungen, die der französische Soziologe in dem Bestreben anstieß, eine der widerspenstigsten Problematiken der Sozialgeschichte und Sozialtheorie neu zu fassen und zu lösen. Im Zuge dessen schmiedete Bourdieu Werkzeuge, die ihm helfen sollten, die allgemeine Politik von Gruppenbildungsprozessen zu erhellen: jene sozio-symbolische Alchemie, aufgrund derer ein abstraktes mentales Konstrukt in den Köpfen Einzelner sich in eine konkrete soziale Realität verwandelt, die ihrerseits eine über und außerhalb der Individuen stehende, existenzielle Wahrhaftigkeit und historische Wirkmacht entfaltet. Im Folgenden stelle ich sechs miteinander verwobene Charakteristika von Bourdieus Neufassung des Klassenbegriffs heraus, die die klassischen Perspektiven erweitern, miteinander vermischen und in einem eigenständigen Theoriegebäude verschmelzen.

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Erschienen in
Berliner Debatte 2 | 2013
Postdiktatorische Räume
158 Seiten

Opfer

Über die Berufsethik des Preisboxers

Jedes Gewerbe hat seinen ethischen Kodex, eine Reihe von Regeln und Auflagen, die für seine Mitglieder den rechten Charakter, das richtige Verhalten und den entsprechenden Umgang miteinander festlegen. In einigen Berufen wird dieser Kodex formalisiert, rezitiert, sogar durch Schwur bekräftigt. In anderen ist er eine lose verbundene Sammlung von Normen und Richtlinien, die im Prozeß der Verfolgung der eigenen Geschäfte selbst erlernt und angewandt werden. So legen Mediziner den hippokratischen Eid ab und Staatsbeamte geloben der öffentlichen Behörde, in deren Namen sie handeln, die Treue, während neue Fabrikarbeiter von ihresgleichen beiläufige, aber deutliche Instruktionen darüber erhalten, wie hart zu arbeiten ist und wann die Kontrolleure in der Werkstatt zu hintergehen sind.

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Erschienen in
Berliner Debatte 1 | 2001
Arbeit und Anmut des Boxens
173 Seiten