Wohin gehst Du, postsozialistische Literatur?

Die nationale Idee auf dem Prüfstand

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Literatur spielt bekanntlich in den osteuropäischen Kulturen eine herausragende Rolle bei der gesellschaftlichen, politischen und nationalen Selbstbeschreibung und wird deshalb gern als Seismograph für den atmosphärischen Zustand der Gesellschaften in den unterschiedlichen Phasen ihrer Geschichte betrachtet. Dieser Repräsentationscharakter von Literatur ist nicht auf plakative Widerspiegelungsfunktion zu reduzieren, wie sie die Doktrin des sozialistischen Realismus verlangte (die übrigens selten genug in den literarischen Texten politisch korrekt eingelöst wurde), sondern er hat mit dem hohen Sozialprestige zu tun, über das Literatur und Dichter in diesen Ländern traditionell verfügten: Literatur galt als moralische Gegeninstanz zu staatlicher Willkür (z.B. in Russland) und als Trägerin nationaler Identität in staatlich nichtexistenten Ländern (z.B. in Polen in der Zeit der Teilungen und in der Ukraine). Ob nun die Literatur den Prinzipien des Realismus verpflichtet war oder modernistische und avantgardistische Konstruktionen bevorzugte – die Ästhetik in Osteuropa ist in besonderem Maße und in jeder Phase ihrer Geschichte durch die jeweils herrschenden politischen Rahmenbedingungen determiniert. Wenn man sich also die Frage stellt, wie sich die Transformationen in Osteuropa auf die Literatur ausgewirkt haben, so ist damit eine äußerst komplexe Problematik angesprochen, die nicht nur Inhalte und Darstellungsweisen, sondern die Stellung der Institution Literatur in der Gesellschaft allgemein berührt.

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