Ideologiekritik und/oder Diskursanalyse?

Eine Kritik des zeitgenössischen Theorie- und Methodenverständnisses

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Bei einem Blick in die Forschungsliteratur der letzten 20 Jahre zeigt sich, dass Ideologiekritik nur auf mäßiges Interesse stößt, noch weniger auf expliziten Zuspruch. Zwar wird weiterhin über Ideologiekritik diskutiert und geschrieben, doch meistens wie über ein weit zurückliegendes Ereignis, und dass jemand an einem Gegenstand tatsächlich Ideologiekritik betreiben würde, ist eher die Ausnahme. Berührungsängste und Vorurteile dürften da ein großes Hindernis sein, aber nicht nur, denn eine der entwicklungsfähigen Alternativen zur Ideologiekritik heißt heute Diskursanalyse. Während es Mitte der 1990er Jahre noch nötig war, die Diskursanalyse als Methode zu rechtfertigen, sehen sich umgekehrt nun diejenigen in der Bringschuld, die etwas als Ideologie kritisieren wollen. Dabei lässt sich nicht behaupten, Ideologiekritik sei durch die Diskursanalyse theoretisch überwunden worden. Vielmehr trifft das zu, was der Wissenschaftshistoriker Thomas S. Kuhn über Paradigmenwechsel festgestellt hat: Ein neues Paradigma setzt sich durch, weil sich damit bestimmte wissenschaftliche Probleme lösen lassen, doch ist es nicht in der Lage, das alte Paradigma vollständig zu ersetzen. In der Praxis sind daher mehrere Paradigmen gleichzeitig aktiv. Auch wenn sich Kuhn in seinen Ausführungen auf die fortschrittsorientierten, „harten“ Naturwissenschaften bezogen hat, ist nicht auszuschließen, dass auch „weiche“ geisteswissenschaftliche Konzepte wie Ideologiekritik und Diskursanalyse koexistieren oder sogar zusammengeführt werden können. Solche Synthesebestrebungen sind nur, wer hätte es nicht bereits geahnt, noch seltener als praktizierte Ideologiekritik.

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